Ev. Kapernaum-Gemeinde

Berlin-Wedding

Kirchen- und Pfarrchronik

Wir laden Sie herzlich zu einem Spaziergang durch unsere Kirchengeschichte ein. Diese Sektion wird nach und nach ergänzt werden. Wieder Reinschauen lohnt sich.

Eine Grundsteinlegung Hals über Kopf fand gestern Nachmittag unter merkwürdigen Umständen in der Seestraße ... statt. Der bekannte Grundstücksunternehmer Graf Oppersdorf ... hat der Nazareth-Kirche eine Baustelle für eine Tochterkirche geschenkt ... die den Namen Kapernaum-Kirche führen soll. Die Schenkung ist aber an die Bedingung geknüpft, daß die Grundsteinlegung bis spätestens zum 1. Oktober d.J. erfolge; nach fruchtlosem Ablauf der Frist würde die Schenkung höchst wahrscheinlich widerrufen, und dadurch die Mutterkirche in neue Verlegenheit gesetzt werden. Infolge dessen ist "von oben her" der Befehl gekommen, die Grundsteinlegung auf das Äußerste zu beschleunigen. Die Feier wurde sofort bewirkt, aber auf den kleinsten Kreis und die zulässig kürzeste Dauer beschränkt. ... Von einer Ausschmückung der Nachbarhäuser war keine Rede - weil dort auf freiem Felde, wo sich vorläufig noch die Füchse und die Wölfe gute Nacht sagen, überhaupt keine Häuser existieren.

Quelle: Berliner Tageblatt, 1. 10. 1897

Berlin dehnte sich im ausgehenden 19. Jahrhundert sprunghaft nach Norden aus. Der Wedding, der 1861 in die Großstadt eingemeindet wurde, entwickelte sich zu einem Wohngebiet für die ärmere Bevölkerung. Das Stadtviertel um die Seestraße war noch um 1900 ein Ödes Gelände, in dem sich kleine Gärten mit kaum bewachsenen Sandflächen abwechselten. Der Plan für das regelmäßige Straßennetz war schon 1862 entstanden, der Bau von Mietshäusern an der Seestraße setzte aber erst um 1900 ein. Dass die Kapernaumkirche vor einhundert Jahren in einem nahezu unbebauten Gebiet errichtet wurde, geht auf Graf Eduard Karl v. Oppersdorf zurück, einen Grundstücksspekulanten, der an der Seestraße über beträchtlichen Landbesitz verfügte. Der Graf schenkte der Nazarethgemeinde im Wedding ‘I895 ein Grundstück und einen hohen Geldbetrag, zweckgebunden für den Bau einer neuen evangelischen Kirche. Das war ganz eigennützig gedacht. Eine Kirche ließ die Entstehung eines städtischen Wohngebiets erwarten, daher stieg der Wert des umliegenden Baulands, das der Graf gewinnbringend verkaufen konnte. Die Nazarethgemeinde, die durch den rasanten Anstieg der Einwohnerzahlen erheblich gewachsen war, ging auf das Angebot ein. Das neue Gotteshaus sollte als freistehendes Bauwerk auf einem eigenen repräsentativen Kirchplatz in der Achse der Antwerpener Straße errichtet werden. Ohne die Zustimmung der städtischen Behörden abzuwarten, die den Bau auf nahezu freiem Gelände mit Unverständnis und Spott betrachteten, wurde am 30. September 1897 der Grundstein gelegt. An diesem Standort ließ sich der Kirchenbau jedoch nicht finanzieren, weil die Baugenehmigung nur mit der Auflage erteilt wurde, die Antwerpener Straße zu pflastern und dauerhaft zu unterhalten. Sofort zog die Kirchengemeinde den Plan zurück. Nach langen Verhandlungen wurde das Grundstuck an der Ecke Seestraße/Antwerpener Straße als Bauplatz ausgewählt. Die Bauarbeiten begannen im Mai 1900, nachdem der Kirchbaufonds der Kaiserin Auguste Victoria eine Beteiligung an den Baukosten zugesagt hatte. Nach zwei Jahren konnte der erste Gottesdienst gefeiert werden. An der glanzvollen Einweihung am 25. August 1902 nahmen Kaiser Wilhelm ll., die Kaiserin und der Kronprinz teil. Nach dem biblischen Ort Kapernaum im Heiligen Land, der mit dem Leben Jesu Christi eng verbunden ist, erhielt das neue Gotteshaus den Namen Kapernaumkirche. Von der alten Nazarethgemeinde wurde 1903 die eigenständige Kapernaum-Gemeinde abgetrennt, die in wenigen Jahren zu einer Massengemeinde anwuchs. lm Gebiet links und rechts der Seestraße entstand ein dicht bebautes Stadtviertel. Der Bauplan der Kapernaumkirche geht auf Karl Siebold zurück, der das Bauamt der BodeIschwingh'schen Anstalten in Bethel bei Bielefeld leitete. In Westfalen errichtete der vielbeschäftigte Architekt nahezu achtzig Kirchen. Dass der Auftrag 1896 ins entfernte Westfalen vergeben wurde, überrascht, lässt sich aber damit erklären, dass der Pfarrer der Nazarethkirche, Ludwig Diestelkamp, mit Friedrich v. Bodelschwingh befreundet war. Um Baukosten zu sparen, wiederholte Karl Siebold den 1895 ausgearbeiteten Entwurf für die Christuskirche in Hagen-Eilpe, der allerdings an den veränderten Standort in Berlin angepasst werden musste. Die Kapernaumkirche ist ein Backsteinbau in spätromanischen Formen. Das dreischiffige Langhaus besitzt einen asymmetrischen Grundriss. An das Mittelschiff, den Gemeinderaum, schließt sich der eingezogene Chor an. Dem breiten Emporenseitenschiff im Nordosten steht das schmale gangartige Seitenschiff an der Antwerpener Straße gegenüber. Der Außenbau wird durch Rundbogenfriese, gekoppelte romanische Fenster und weiß verputzte Blendfelder gegliedert. Säulen, Kapitelle und Friese bestehen aus  Ziegelformsteinen. Die Längsseiten gestaltete der Architekt als Schaufassaden. Die vorgelagerten Bauten an der Antwerpener Straße mit der Portalvorhalle lassen an eine mächtige Basilika denken. Die Nordostseite, die zum Hof des Gemeindehauses weist, besaß einen anderen Aufbau. Über großen Rosenfenstern erhoben sich dreieckige Quergiebel mit anschließenden Satteldächern. Der Chor, der von der Sakristei und zwei achteckigen Chortürmen begleitet wird, erhielt eine Überaus reiche Gestaltung. Die Apsis wird von einer Zwerggalerie bekrönt, unter der sich Rundbogenfenster mit eingestellten Säulen öffnen. Der Chor ist zweigeschossig angelegt. Mit dem Konfirmandensaal im Souterrain bietet die Kapernaumkirche ein frühes Beispiel für ein kirchliches Gemeindezentrum. Das Bauwerk entfaltet seine städtebauliche Wirkung vor allem an der Seestraße. Der Architekt nutzte das Eckgrundstück aus, indem er einen massigen Eckturm errichtete, der die umliegenden Mietshäuser weit überragt. Der mit Rundbogenfriesen und Lisenen gegliederte Turm bildet in der als Boulevard angelegten Seestraße eine unübersehbare Landmarke. Deutlich kleiner ist der zweite Turm, der die Giebelfront des Langhauses begrenzt. Der Dreiecksgiebel war mit einer großen Fensterrose verziert. Die Bauformen leiten sich von der spätromanischen Architektur im Rheinland ab. Karl Siebold nahm sich die Kirchen St. Aposteln und Groß St. Martin in Köln zum Vorbild, um Zwerggalerie und Chortürme zu gestalten, während der Eckturm den romanischen Westtürmen von St. Mariä Himmelfahrt in Andernach gleicht. Mit dem 1909-1911 angebauten Gemeindehaus wurde die anfangs freistehende Kapernaumkirche in den Häuserblock an der Seestraße eingebunden. Die Architekten August Dinklage, Ernst Paulus und Olaf Lilloe, die zeitgleich die Osterkirche im Wedding entwarfen, legten einen gestaffelten Seitenflügel an, der einen schmalen Hof an der Kapernaumkirche umschließt. Das Vorderhaus an der Straßenseite wurde mit Rundbogenfenstern und Gesimsbändern zurückhaltend gegliedert. Der Innenraum der Kapernaumkirche war sparsam gestaltet. über dem Mittelschiff spannte sich kein Gewölbe, sondern eine Holzdecke mit satteldachartig angehobenem Mittelteil. Die beiden flach gedeckten Seitenschiffe, gestützt von Säulen mit Würfelkapitellen, trugen Emporen, die sich mit drei weiten Rundbögen zum Mittelschiff öffneten. Die Ausmalung wiederholte romanische Friese und Ornaments. Nur der Chorraum erhielt aufwendige Wandmalereien, wie sie im ausgehenden 19. Jahrhundert im evangelischen Kirchenbau üblich waren. In der Apsis war der thronende Christus in der Mandorla dargestellt, umgeben von Engeln, die zwischen Palmen standen. Ein Wandbild mit dem Hauptmann von Kapernaum vor Jesus befand sich im Apsisbogen, darüber folgte ein Ornamentstreifen mit Medaillons und ein Schriftfeld mit den Worten "UNSER GLAUBE IST DER SIEG, DER DIE WELT UBERWUNDEN HAT“. Die reiche Farbigkeit des Chorraums setzte sich mit den Glasmalereien fort, die figürliche und ornamentale Darstellungen zeigten. Altar und Kanzel waren in neuromanischen Formen gehalten. Der schwere Altartisch trug einen Giebelaufbau aus weißem Marmor mit kleinen schwarzen Säulen. Gegenüber der Kanzel stand bereits damals die überlebensgroße Statue des segnenden Christus, die als einziges Stück der alten Ausstattung erhalten blieb. Die 1910 gestiftete Statue wurde einer bekannten Skulptur des dänischen Bildhauers Berthel Thorwaldsen nachgebildet. Die Kapernaumkirche wurde im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt. Ein Bombentreffer im Mai 1944 verwandelte den Kirchenraum in einen Trümmerhaufen. Der spitze Helm des Eckturms brannte Anfang 1945 ab. Die Gemeinde, die an ihrer alten Kirche festhielt, setzte nach Kriegsende einen Wiederaufbau durch, der unter der Leitung von Oberbaurat Fritz Berndt 1952 begann. Die stockend fließenden Geldmittel verzögerten die Bauarbeiten, die Günter Behrmann schrittweise weiterführte, so dass die Kapernaumkirche erst am 1. Adventssonntag 1959 wieder eingeweiht werden konnte. Der Außenbau wurde vereinfacht wiederhergestellt. Fritz Berndt ließ die Giebel der Seitenschiffe beseitigen, um über dem Kirchenschiff ein schlichtes Dach zu errichten. Den zerstörten Rautenhelm des Eckturms ersetzte man durch ein steiles Satteldach. Der neu errichtete Giebel an der Seestraße passt sich den alten romanischen Bauformen an, wenngleich die Fensterrose einem Kreuz und einer Dreifenstergruppe weichen musste. Sehr schlicht wirkt der wiederaufgebaute Kirchenraum, der mit einer halbrunden Holzdecke abschließt. Die Wandflächen und Emporen, befreit von allen Ornamenten, sind mit hellen Farben ausgemalt. Günter Behrmann gestaltete Altar und Kanzel. Die geistige Mitte des Raums zeigt ein großes Kruzifix an. Die vier Leuchter auf dem Altartisch werden von jeweils vier Aposteln getragen, die einer traditionellen Bildsprache folgen, der auch das Lesepult mit der Darstellung des Hauptmanns von Kapernaum verhaftet ist. Die zeittypischen Glasmalereien in der Apsis wurden 1958 von Hermann Kirchberger entworfen und von August Wagner in Berlin geschaffen. Links ist die Geburt Christi zu sehen, in der Mitte erscheint der segnende Heiland, rechts ist die Bildreihe mit dem Pfingstfest fortgesetzt. -Dr. Matthias Donath- Am 25. August 1902 wurde die Kapernaumkirche eingeweiht; allerdings ist die Kapernaum-Gemeinde erst im Jahre 1903 als "Tochter" der Nazarethgemeinde am Leopoldplatz selbstständig geworden. 1903 gehörten ihr ca. 38.000 evangelische Christen. 1909-11 wurde das Gemeindehaus neben der Kirche erbaut. Ende der 20er-Jahre arbeiteten sechs Pfarrer an der Gemeinde bei ca. 60.000 Evangelischen. Nach der Zerstörung der Kirche 1945 fanden bis 1959 die Gottesdienste im Gemeindesaal statt, einige allerdings auch in der Ruine. 1953 wurde im nördlichen Gemeindebereich die Korneliusgemeinde selbstständig mit einer Gottesdienststätte in der heutigen Friedhofskapelle des Domkirchhofs. Seit 1975 steht an der Dubliner Straße / Ecke Edinburger Straße die Kirche. 1976 konnte das Gemeindezentrum Schillerhöhe an der Brienzer Straße eingeweiht werden. Seit 1999 leitet ein gemeinsamer Gemeindekirchenrat die Gemeinden der "Evangelischen Kirche in der Region Schillerpark“. Arbeitsschwerpunkte sind die Arbeit im "Kinderhaus" an der Seestraße, die bündische Jugendarbeit und die Kirchenmusik mit Chor und Orchester. 2002 lebten in der Region etwa 11.000 evangelische Christen. 1904 wurden 185 Mädchen und Jungen konfirmiert, 2002 waren es 45 Jugendliche. Möge der Gemeinde und der Kirche ein segensreicher Weg beschieden sein.

-Pfarrer i.R. Hans Zimmermann-
Pfrn. Dagmar Tilsch2019 -
Pfrn. Marita Lersner2015 - 2018
Pfr. Alexander Tschernig2013 -
Pfrn. Constanze Kraft2003 - 2012
Pfr. Hans Zimmermann1999 - 2015
Pfr. Dietmar Linke1987 - 1997
Pfr. Uwe Larsen1986 - 1999
Pfrn. Verena Janzen1986 - 2002
Pfr. Hans A. Noll1981 - 1986
Pfrn. Margot Schilling1980 - 1987
Pfr. Christian Moest1978 - 1980
Pfr. Martin Winchenbach1972 - 1998
Pfr. Jürgen Aporius1967 - 1987
Prn. Ursula Beyer1967 - 1980
Pfr. Knut Soppa1965 - 1978
Pfr. Wolfgang Roschlau1963 - 1964
Pfr. Bernhard Stoevesand1962 - 1963
Pfr. Volkhard Kroll1962 - 1967
Pfr. Hans Lübke1962 - 1971
Pfr. Hans Hunger1961 - 1962
Pfr. Theodor Fiedler1959 - 1965
Pfr. C. v. Petersenn1958 - 1978
Pfr. Wilhelm Petzina1950 - 1951
Pfr. Werner Koch1947 - 1952
Pfr. Johannes Hoffmann1942 - 1962
Pfr. Walter Rickmann1938 - 1959
Pfr. Dr. Wilhelm Arz1933 - 1961
Pfrn. Ilse Kersten*1932 - 1943
Pfr. Max Mehfeld1931 - 1934
Pfr. Helmut Petzold1929 - 1936
Pfr. Alexander Wiedow1918 - 1940
Pfr. Friedrich Jäkel1920 - 1925
Pfr. Adolf Frauendtädter1914 - 1933
Pfr. Friedrich Lahde1912 - 1934
Pfr. Karl Berlich1908 - 1934
Pfr. Konrad Kotterba1903 - 1930
Pfr. Johannes Waßmund1903 - 1932
Pfr. Hermann Granzin1903

* Pfarrvikarin Ilse Kersten war 1929 die erste Frau in Berlin, die ein theologisches Fakultätsexamen ablegte. Schon 1920 veröffentlichte sie einen Aufsatz, in dem sie sich für die Frauenordination einsetzte. Sie schrieb, dass es „manche Arbeit gibt, zu der eine Frau vielleicht geeigneter wäre als ein Mann.“ Von 1932 – 1945 wirkte Ilse Kersten als Pfarrvikarin, d.h. als Pfarrerin ohne Ordination, in der Kapernaum-Gemeinde. Sie war Mitglied des Bruderrates der Bekennenden Kirche und gehörte zur Widerstandsgruppe um den Gefängnispfarrer Harald Poelchau. Die Gruppe half untergetauchten Regimegegnern und verfolgten Juden. Sie vermittelten ihnen Arzt- und Krankenhausbesuche und organisierten Bezugsscheine für Lebensmittel. Von der Bekennenden Kirche wurde Ilse Kersten 1936 zur Pfarrerin ordiniert. Nach dem Krieg arbeitete sie als Gemeindepfarrerin in Berlin-Kladow.

Die Frauenordination, damals allein für unverheiratete Frauen, wurde in der Berliner Landeskirche offiziell erst 1964 eingeführt.

Zeitweise gab es bis zu fünf Pfarrstellen in der Gemeinde, heute sind es noch zwei.

Ein kurzes Video der Kapernaumkirche

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© Fredi Zimmermann

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