Biblisches Wort


„Gott spricht: Ich will unter ihnen wohnen und will ihr Gott sein und sie sol-len mein Volk sein.“
Ezechiel 37, 17

In diesem Satz taucht ein Begriff auf, der ausgesprochen unklar wird durch die Geschichte, die er im Deutschen hinter sich hat: „Volk“.

Ursprünglich bezeichnete das Wort schlicht eine Menschenmenge. Seit Beginn der Neuzeit wird gemeinhin auch eine Gesellschaft oder Großgruppe von Men-schen mit gleicher Sprache und Kultur ein Volk genannt. Dieser Volksbegriff ist emotional und ideologisch höchst aufgeladen, wie wir leider in den letzten Jahren hierzulande wieder bemerken müssen.

Aber nationalistisches Gedankengut liegt nicht im Hintergrund des Ezechielverses, sondern es geht um das Verhältnis Gottes zu einer Menschen-gruppe, die zu keinem Zeitpunkt ihrer Geschichte so einheitlich verfasst gewesen ist, wie sich das viele vorstellen: Israel.

Der Monatsspruch ist eine Zusage Gottes an sein „Volk“. Im Vers vorher ist von einem ewigen Friedensbund die Rede, die Gott mit den aus dem babylonischen Exil Zurückkehrenden schließen wird. Die Übersetzung oben gibt leider auch nicht alles so genau wieder. Wo wird Gott wohnen? „ale-häm“ bedeutet im Hebräischen eigentlich „über ihnen“. Möglich zu übersetzen wäre auch „nahe bei ihnen“. „Unter ihnen“ entspricht dem kaum: Denn das würde Nachbarschaft, ein Nebeneinander von Gleichen ausdrücken. Und das ist besser ausgedrückt schon im vorangehenden Vers gesagt, wo von Gottes Heiligtum in „ihrer Mitte“ die Rede ist. Aber kann denn ein Heiligtum Gott fassen? Wohl kaum.

Wie sollte die Ursache für das Universum in vier Wänden Platz finden?

Das Besondere hier für Israel und Juda ist, dass Gott da sein wird „lahäm elohim“: für sie als Gott, und umgekehrt „hemah lij l’am“: sie für mich als Volk. Das sind Worte, die einen Bundesschluss ankündigen, eine Zusage
- Gemeinschaft. Nun wird die Beziehung ganz persönlich. Und in ein solches Verhältnis sind dann auch die anderen „Völker“, andere Menschengruppen als Israel, hier sind auch wir eingeladen in diese Gruppenbeziehung zu Gott.

Zu uns, nach Europa, kam der Glaube an den einen Gott durch die christliche Mission, in deren Zentrum ebenfalls einer aus dem angesprochenen „Volk“ steht und stand: Jesus von Nazareth. Dadurch dürfen auch wir uns hier mitgemeint glauben als Angehörige von Gottes „Volk“.

Alexander Tschernig