Biblisches Wort

„Mein Geliebter kommt!“ Schon Tage vor seiner Ankunft geht ihr Puls höher,
wenn sie an ihn denkt. Sie macht Pläne, was sie alles mit ihm unternehmen will.
Natürlich saugt sie noch einmal ihre Wohnung und putzt sogar die Fenster. Danach
malt sie sich die Fingernägel an und entscheidet sich für ihr schönstes Kleid
– das mit den roten Punkten soll es sein. Auch ihre Wangen glühen rot in ihrer
Vorfreude.
Der Seher Johannes stellt sich vor, dass Jesus so von seiner geliebten Stadt
empfangen wird, wenn er kommt: wie eine geschmückte Braut. Ja, Johannes
erwartet tatsächlich die Ankunft Jesu, die Gegenwart Gottes bei den Menschen:
„Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott
mit ihnen, wird ihr Gott sein“.
Und wenn wir ‚Jerusalem‘ mit ‚Wedding‘ austauschen? Wie würden wir uns vorbereiten,
um Jesus zu begegnen? Vielleicht würden wir uns auch die Fingernägel
anmalen und ein bisschen aufräumen – den Dreck in der Häuserecke muss
Jesus ja nun nicht sehen. Aber wir kennen ja unseren Herrn – das ist ihm wahrscheinlich
nicht so wichtig. Wichtiger ist ihm, dass wir ihm alle zusammen begegnen
– die Traurigen mit den Vergnügten, die noch laufen lernen und die gar nicht
mehr laufen können, die etwas stinken mit den Parfümierten. Dass wir dabei
liebevoll aufeinander achten. Der größte Schmuck wäre in den Augen Jesu, dass
wir in Frieden beieinander wären. Ein ehrliches geschwisterliches Miteinander
würde den heiligen Wedding als Braut für ihren Bräutigam gut schmücken.
Johannes malt das Bild von Jerusalem als der geschmückten Braut in Vorfreude
auf die Auferstehung am Ende der Zeiten. Stellen Sie sich einmal vor, auf das
Ende Ihres Lebens mit einer solchen Vorfreude zu warten. Nicht weil das Leben
schwer wäre, sondern weil uns danach unser Herr erwartet. Würden wir anders
leben mit einer solchen Sehnsucht im Herzen nach unserem Geliebten? Ich
glaube schon. Die Sehnsucht nach Gott gibt dem Leben eine ganz eigene
Ausrichtung.
Tanja Blixen hat über die Sehnsucht geschrieben: „Bis zu diesem Tag hat noch
niemand gesehen, dass Zugvögel ihren Weg nähmen nach wärmenden Gegenden,
die es gar nicht gäbe, oder dass die Flüsse ihren Lauf durch Felsen und
Ebenen bahnen und einem Meer entgegen strömen, das gar nicht vorhanden
wäre. Gott hat gewiss keine Sehnsucht erschaffen, ohne auch die Wirklichkeit zur
Hand zu haben, die als Erfüllung dazu gehört. Unsere Sehnsucht ist unser Pfad.“
Leben wir so, als würde uns am Ende der Geliebte erwarten. Erlauben wir der
Sehnsucht, in unserem Leben die Richtung zu bestimmen.
Ihre Pfarrerin
Marita Lersner